Green Conference Interview
Das folgende Radiointerview habe ich auf der Green Conference in Minneapolis gegeben. Wir sind heute hier im Studio mit Michael Albert, einem Aktivisten und Autor mehrerer Bücher. Unter anderen von "Looking Forward" von South End Press und "Political Economy of Participatory Economics", herausgegeben von Princeton University Press. Außerdem ist Albert Mitbegründer und Redakteur von Z-Magazine. Wir begrüßen Sie bei Radio KFAI in Minneapolis.
Das folgende Radiointerview habe ich auf der Green Conference in Minneapolis gegeben.
Wir
sind heute hier im Studio mit Michael Albert, einem Aktivisten und
Autor mehrerer Bücher. Unter anderen von "Looking Forward" von South
End Press und "Political Economy of Participatory Economics",
herausgegeben von Princeton University Press. Außerdem ist Albert
Mitbegründer und Redakteur von Z-Magazine. Wir begrüßen Sie bei Radio
KFAI in Minneapolis.
[Anmerkung: Erst kürzlich erschien ein neues Buch von Michael Albert zu diesem Thema: "Moving Forward"]
Ich
bedanke mich für die Einladung. Tatsächlich bin ich der Co-Autor der
beiden Bücher die Sie gerade erwähnten, gemeinsam mit Robin Hahnel,
einem Volkswirtschaftler, der an der American University lehrt.
Erzählen Sie uns, was ist eine participatory Volkswirtschaft?
Es
ist eine andere Möglichkeit eine Volkswirtschaft zu organisieren. Wir
haben in den USA momentan eine kapitalistische Wirtschaftsordnung in
der wenige Menschen Produktionsanlagen besitzen und Märkte regulieren
die Verteilung der Güter. In der Arbeitswelt herrscht eine
hierarchische Struktur. Einige machen die manuelle Arbeit, andere
vollbringen qualifiziertere Arbeit und einige wenige treffen die
Entscheidungen. Dies ist der Kern unseres Wirtschaftssystems. Privates
Eigentum der Produktionsmittel und hierarchische Organisation der
Arbeitswelt--- mir gefällt das nicht.
Ich lehne Privateigentum
an Produktionsmitteln ab. Es führt dazu, dass wenige Menschen fast
alles Vermögen besitzen und kontrollieren, wobei sich zu viel Macht in
wenigen Händen konzentriert. In unserer Wirtschaftsordnung diskutieren
Kommentatoren die UNTEREN 90% der Bevölkerung, ein verblüffendes, aber
wahres Konzept und es sollte uns in Verlegenheit bringen. Die oberen
10%, in Wirklichkeit wohl noch weniger, steuern in autokratischer Weise
unsere gesamte Volkswirtschaft. Das ist ungerecht, unverantwortlich und
undemokratisch. Wir sollten uns etwas Besseres einfallen lassen.
Weiterhin
lehne ich auch die hierarchische Unterteilung der Arbeit ab, da dies
garantiert, dass die meisten Menschen wenig oder nichts über ihre
Arbeit zu entscheiden haben und einander nicht gleichberechtigt an
ihrem Arbeitsplatz gegenübertreten können. Auch kann durch die
hierarchische Struktur nicht garantiert werden, dass ein jeder seinen
fairen Teil an befriedigender und nicht so befriedigender Arbeit
erhält. Es gibt keine moralischen und auch keine überzeugenden
wirtschaftlichen Gründe warum einige Menschen bessere, befriedigendere
oder weniger gefährliche Arbeitsbedingungen haben sollen als andere.
Dasselbe ist zutreffend im Entscheidungs- und Beschlussfassungsbereich.
Auch hier trifft zu: Wir sollten uns etwas Besseres einfallen lassen.
Auch
bin ich kein Freund der Marktwirtschaft, da sie die Menschen zwingt nur
an das eigene Wohlergehen zu denken ohne jedes soziale Gewissen. Die
Marktwirtschaft kann nur funktionieren, wenn die Menschen nur an sich
selbst denken. Wenn Geschäftsleute nur an sich selbst denken, versuchen
sie Profit zu machen, ungeachtet der ökologischen Konsequenzen,
ungeachtet der widrigen Auswirkungen auf die Arbeitnehmer und sogar
ungeachtet der Auswirkungen auf ihre Kunden.
Wenn Sie ein
individueller Kunde und Arbeitnehmer sind, der nur auf den eigenen
Vorteil bedacht sein muss, so werden Sie sich um das Wohl der Menschen,
die produzieren was Sie verbrauchen, nicht kümmern und genausowenig
wird Sie das Wohlbefinden der Menschen interessieren, die verbrauchen
was sie produzieren.
Die Menschen die mit Ihnen in Ihrer
Gemeinde leben werden Sie nicht interessieren wenn Sie nur auf Ihren
eigenen Vorteil achten müssen. Das heißt, Sie leben isoliert von den
anderen und werden sogar versuchen auf Kosten Ihrer Nachbarn weiter zu
kommen.
Die Marktwirtschaft hat noch viele weitere Missstände
aufzuweisen. Sie fördert Ungleichheit, Arbeitsloigkeit, ökologische
Zerstörung, Entfremdung und Personalitätsverzerrungen. So, wiederum,
warum sollten wir nicht versuchen es besser zu machen.
Participatory
Economics ist also ein völlig neues ökonomisches System basierend auf
grundlegend anders definierten Institutionen.
Unter
Participatory Economics, anstatt privates Eigentum an Kapital, besitzt
ein jeder zu einem gleichen Teil die Produktionsmittel. Es ist
gemeinsames Eigentum der Bevölkerung, generiert aber kein Einkommen,
keinen Wohlstand und keine Machtunterschiede. Wie wohlhabend einer ist,
oder was er verdient und zu welchem Grad er bei Entscheidungen
beteiligt ist, wird beeinflusst durch Zuteilung (allocation) und
Zuteilung unter Participatory Economics ist grundlegend verschieden von
Zuteilung unter marktwirtschaftlichen Bedingungen.
Zur
participatory Zuteilung (allocation) erstellen die Menschen eine Liste
zu erledigender Dinge (agenda). Ein jeder nimmt an diesem Prozess teil.
Wir alle überlegen uns was wir konsumieren oder produzieren wollen. Wir
tun dies individuell oder in unserer Arbeitsgruppe und ein jeder macht
seine Meinung deutlich. Die Vorschläge werden in weiteren Runden
diskutiert und ausgewertet bis man sich über eine umfassende
Tagesordnung geeinigt hat. Ein jedermann ist an den Diskussionen in dem
Maße beteiligt in welchem er/sie von den diskutierten Entscheidungen
betroffen ist. In diesem Sinne ist das System participatory und managed
sich selbst.
Auch die Organisation eines Arbeitsplatzes wird
unter Parecon anders gehandhabt als wir es im Kapitalismus gewohnt
sind. Im Kapitalismus werden alle zu erledigenden Aufgaben
zusammengefasst in Arbeitsplätze welche nur eine Art von
Aufgabenbereich abdecken. Die eine Person hat die Aufgabe
Reinigungsarbeiten zu erledigen und ist damit eine Reinigungskraft.
Eine andere Person nimmt Telefonanrufe entgegen und erledigt
Schreibarbeiten und ist eine Sekretärin. Der andere arbeitet in der
Verwaltung und ist ein Manager. Eine andere kümmert sich um finanzielle
Angelegenheiten und ist Direktorin. Jede dieser Stellen belegt einen
Platz in einem hierarchischen Schema.
Unter Parecon dagegen
kombinieren wir die Aufgaben eines Arbeitsplatzes in einer Weise die
dazu führt, dass ein jeder einen fairen Anteil an attraktiven und
weniger attraktiven Arbeiten zu erledigen hat. Stellen Sie sich die
vielen Zutaten zu einer chinesischen Mahlzeit vor. Im kapitalistische
Verfahren wird man eine Zutat auswählen und es als Mahlzeit betrachten.
Einige erhalten die guten Zutaten, andere die minderwertigen. Das
Parecon Verfahren würde sicherstellen das ein jeder eine ausgewogene
Mahlzeit aus sich komplementierenden Zutaten erhält. Ein jeder erhält
ein faires vergleichbar wohlschmeckendes Essen.
Aus all den
Aufgaben die in einem Betrieb zu erledigen sind werden im Kapitalismus
individuelle Arbeitsbereiche geschaffen, allerdings mit nur wenigen
Variationen, die in ihrem Anspruch an Fachwissen, Autorität und
Bevollmächtigung auf nur einer Stufe liegen. In einer Parecon Version
der Aufgabenzuweisung finden wir eine diverse Auswahl an Aufgaben,
damit ein jeder Mitarbeiter einen fairen Anteil an anspruchsvollen aber
auch weniger anspruchsvollen Arbeiten zu erledigen hat. Es ist
notwendig dies so zu machen, erstens: weil es gerecht ist. Es gibt
keine Gründe warum einige Menschen nur riskante Arbeiten ausführen
sollten und andere nicht, warum einige Menschen nur Befehle geben und
andere nur Befehle ausführen, oder warum einige reich und andere arm
sein sollen. Es ist auch wichtig ausgeglichene Aufgabenbereiche zu
schaffen, da dadurch die Mitarbeiter zur Mitentscheidung befähigt
werden. Es sollte nicht so sein, dass einige von uns durch abstumpfende
Arbeit relativ ignorant gehalten werden, während andere ihre Befähigung
zur Entscheidungstreffung andauernd verfeinern und relevantes Wissen
monopolisieren, wie es in hierarchischen Systemen der Fall ist. Durch
unsere Beteiligung mittels ausgeglichener Arbeitsbereiche können wir
alle unsere in uns steckenden Möglichkeiten ausschöpfen und uns
jederzeit an der Entscheidungsfindung fachkundig und professionell
beteiligen.
Der Unterschied zwischen Kapitalismus und Parecon
ist der Unterschied zwischen einer Volkswirtschaft, in der riesige
Summen in die Herstellung von Raketentechnologien gesteckt werden, in
der aber wenig unternommen wird um die Gesundheitsfürsorge für alle zu
finanzieren und sicherzustellen, und einer Volkswirtschaft, die genau
das Gegenteil tut.
Es ist der Unterschied zwischen einer
Volkswirtschaft, die Schulen dazu einsetzt um Menschen beizubringen,
Langeweile zu erdulden und so befähigt werden, folgsam zu arbeiten für
diejenigen, denen Elite-Ausbildung zuteil wurde und einer
Volkswirtschaft die betont dafür einsteht, alle menschlichen
Fähigkeiten und Talente zu entwickeln, damit jedermann darauf
vorbereitet wird, sich in einer fairen und ausgeglichenen Weise am
Arbeitsleben zu beteiligen.
Und es ist weiterhin der
Unterschied, ob wir in einem System leben wollen in welchem unsere
Eliten alle Entscheidungen treffen, oder einem System, in welchem alle
eine faire und angemessene Rolle spielen; zwischen ein paar Leuten mit
immensem Vermögen, unkontrolliertem Einfluss und Menschen die kaum
genug zum Leben haben oder einem System in welchem alle einen fairen
Anteil haben.
Ihr Lösungsweg eliminiert Spezialisierung.
Einige würden Ihnen entgegenhalten, dass dadurch die Effizienz abhanden
kommen könnte.
Wir beseitigen nicht Spezialisierung, eher
schon eine einseitige Spezialisierung (Narrow Specialists). Nehmen wir
einmal das gerne angeführte Beispiel eines Krankenhauses. Wir werden
weiterhin Chirurgen haben. Wir schließen die Chirurgie nicht aus oder
die besonderen Kentnisse und Talente welche hochqualifizierte Chirurgie
erfordert. Es ist nur so, dass, die Menschen die Chirurgie ausüben auch
andere Dinge tun werden, damit ihr gesamter Arbeitsaufwand im Vergleich
zu anderen fair ist. Noch wichtiger, alle Mitarbeiter im Krankenhaus
werden eine Arbeitsstelle haben mit einer Kombination aus Aufgaben und
Pflichten in einer gerechten Mischung.
Aber wenn Chirurgen
ihre Zeit mit anderen Arbeiten verbringen, beispielsweise
Reinigungsarbeiten, verlieren wir dann nicht an Produktivität?
Ja,
aber nur wenn wir nicht mehr Menschen in Chirurgie trainieren als wir
es heute tun und den Zeitaufwand der heute für Chirurgie aufgewandt
wird reduzieren und für andere Aufgaben verwenden. Aber nehmen wir doch
einmal an wir haben mehr ausgebildete Chirurgen, damit kann der
Zeitaufwand für Chirurgie gleich bleiben und die Chirurgen haben die
Zeit für einen fairen Anteil an anderen Aufgaben. Alternativ, die
heutigen Chirurgen könnten von der Zeit die sie auf dem Golfplatz
verbringen etwas abzweigen und dafür andere, nicht-chirurgische
Arbeiten verrichten. Wiederum, die chirurgische Produkivität würde
darunter nicht leiden.
In unserer Ökonomie werden das
Leistungvermögen und die Fähigkeiten der meisten Menschen nie
entwickelt. Die meisten Leute haben ihre Talente nie näher ausgewertet.
Die Kapazitäten der meisten Menschen werden absichtlich nicht zur
Geltung gebracht. Um die kapitalistische Hierarchie abzusichern, werden
die Talente vieler Menschen nicht nur nicht genutzt, sondern in vielen
Fällen wird ihre Kreativität sogar zerstört. Parecon dagegen begründet
Fairness und fördert die Produktivität indem die Talente und
Fähigkeiten der Menschen nicht verschwendet werden, nur damit einige
wenige ihre Macht über uns ausüben können.
Aber wie kommen
wir dahin? Es scheint wir sind von einer Pareconischen Volkswirtschaft
noch so weit entfernt wie man nur sein kann.
Eine
Straßenkarte nach Parecon kann ich Ihnen nicht geben, da es keine gibt.
Eine ungefähre Antwort wäre, dass die Menschen ein Verständnis für die
Wurzeln der Probleme in unserer Gesellschaft entwickeln, damit sie
nicht von nebensächlichen Fragen abgelenkt werden. Sie müßten dann
versuchen über Massenbewegungen Veränderungen und Reformen zu
erstreiten, sei es mehr Kontrolle über ihre Arbeit, mehr Freizeit und
andere Dinge. Mit immer grösserem Einfluss der wachsenden Bewegungen
wird man strukturelle Veränderungen fordern müssen: neue Institutionen
wie beispielsweise Betriebsräte und Stadträte, die anfangen
pareconische Arbeitsweisen einzustudieren und auszuführen. In unserer
gesamten Geschichte wurden Veränderungen auf diese Weise eingeleitet,
ob es nun wirtschaftliche, ökologische oder Fragen der
Gleichberechtigung der Rassen und Geschlechter waren. All dies ist
nicht leicht zu erreichen, besonders am Anfang erscheinen die
Schwierigkeiten unüberwindbar. Hat die Bewegung aber erst einmal eine
bestimmte Stufe im Bewusstsein der Bevölkerung erreicht und
funktionierende Organisationen und Institutionen aufgebaut, so können
am Ende die Veränderungen sehr schnell vor sich gehen.
Würde unter Parecon ein jeder gleich bezahlt werden?
Ja,
die Arbeit die wir tun besteht aus einer Mischung aus Aufgaben,
verschieden für jede individuelle Person, aber vergleichbar im Sinne
von Befriedigung und der Pflichten. Mein Arbeitstag ist wie Ihrer und
unserer ist wie jedermanns, nicht im Detail, aber vergleichbar in
Anforderung und Attraktivität. Deshalb, warum sollte die eine Person
mehr verdienen als die andere? Die einzige Möglichkeit mehr zu
verdienen als der andere, oder wie Sie selbst im letzten Jahr, wäre,
wenn Sie Überstunden arbeiten. Der springende Punkt hier ist, dass
Einkommen nach Leistung bezahlt wird, wobei Leistung gemessen wird an
der Arbeitszeit die Sie an einem mit allen anderen Mitarbeitern
vergleichbaren Job verbringen. Vergleichen wir das zu einem System, in
welchem der Hauptgeschäftsführer nicht nur die nicht riskanten,
langweiligen und anstrengenden Aufgaben bewältigen muss, sondern nur
Aufgaben die im wesentlichen befriedigend und attraktiv sind. Er
verdient dann auch noch 80 oder 100 und oft sogar 200 mal mehr wie ein
einziger seiner Arbeitnehmer. Kapitalismus ist Diebstahl, Habsucht und
Ausschluss. Parecon ist Gerechtigkeit, Solidarität und Beteiligung
aller.
All dies hört sich an wie Sozialismus. Ist dies Sozialismus?
Es
kommt darauf an was wir unter Sozialismus verstehen. Der Begriff wurde
über Jahre hinweg mit dem Sowjetsystem in Zusammenhang gebracht.
Parecon hat damit aber keine Ähnlichkeit. Das Kapitalistische System
unter dem wir jetzt leben habe ich so beschrieben: Eine kleine
Minderheit aus den oberen Schichten hält das Kapital, wir haben eine
Marktwirtschaft und ein hierarchisches System der Arbeitsteilung. Das
Sowjetsystem kennt keine kleine Minderheit die das Produktivvermögen
besitzt. Die Revolution ersetzte sie durch den Staat, der nun das
Produktivvermögen in Besitz nahm. Aber das war immer noch eine Elite.
Es wurde einfach die kapitalistische Elite durch eine Elite von
Staatsbürokraten ersetzt. Die Revolution ersetzte auch die
Marktwirtschaft durch eine Planwirtschaft. Aber das wiederum ist nicht
was wir wollen. In der Planwirtschaft entscheidet wiederum eine
besondere Gruppe von Fachleuten über die ganze Volkswirtschaft. Die
Zentralplaner senden Bestellungen an die einzelnen Produktionsstätten.
Alle Beteiligten antworten auf die Anfragen und teilen mit, ob sie sie
erfüllen können. Diese Informationen gehen zurück nach oben zu den
Zentralplanern. Neue Befehle kommen von oben. Zurück nach oben geht die
Gehorsamkeit von unten. Es ist einfach ein sehr autoritäres,
hierarchisches System. Schließlich und endlich waren die Sowjet
Produktionsstätten genauso organisiert wie die der Ford Motor Company
oder andere US Produktionsstätten. Man könnte sie kaum unterscheiden,
nur das Niveau der angewandten Technologien wäre anders. Die interne
Struktur einer US und einer Produktionsstätte der SU wäre ziemlich
genau die gleiche. Nein, das System, das ich vorschlage hat nichts
damit zu tun.
Natürlich war das nicht was Sozialismus hätte sein
sollen. Der Grund warum das Sowjet System "Sozialismus" genannt wurde
hat zwei Gründe. Die Sowjet Eliten nannten es Sozialismus um sich mit
dem Mantel des authentischen Sozialismus zu schmücken. Wer könnte gegen
ein System rebellieren das bereits das Beste war das man sich
vorstellen konnte? Die US Eliten nannten das Sowjet-System
sozialistisch um den Sozialismus durch Identifikation mit dem Soviet
System zu diskreditieren. Wenn die SU sozialistisch war, welcher
einsichtige Bürger der USA könnte da gegen den Kapitalismus opponieren?
So, wenn Sie nun unter Sozialismus das Sowjet System verstehen, dann
hat Parecon nichts damit zu tun. Verstehen Sie aber unter Sozialismus
ein System in welchem Menschen ihr eigenes Leben kontrollieren, einer
Volkswirtschaft in der die Menschen mitbestimmen können, in der
Vielfalt und Gerechtigkeit herrscht, ja, dann könnten Sie, wenn Sie
wollen, das System, das ich vorschlage, auch Sozialismus nennen.
Lassen Sie uns ein wenig mehr über die Marktwirtschaft sprechen. Wollen Sie die Abschaffung freier Märkte?
Genau
das ist mein Ziel. Ich bin ein Abolitionist was die Marktwirtschaft
betrifft. Ganz sicher ist dies momentan kein populärer Standpunkt in
einem Augenblick, da die Meinung vorherrscht, dass die freie
Marktwirtschaft ein Wundermittel für so ziemlich alles ist. Ich denke,
wir fallen damit einem gigantischen Schwindel zum Opfer.
Die
Marktwirtschaft ist eigentlich eine ganz einfache Institution. Ein
Markt ist nicht nur ein Ort wo man hingeht und etwas kauft. Nein, wir
meinen damit ein System in welchem Produzenten Waren anbieten und
Kunden Waren kaufen. Angebot und Nachfrage erzeugt auf beiden Seiten
den Druck unter welchem ein Preis zustande kommt. Aber dieser
Wettbewerb verlangt von allen Beteiligten, dass sie nur an den eigenen
Vorteil denken müssen und ein jeder wird nur auf den eigenen Gewinn
achten. Dieses Verhalten produziert genau das Gegenteil von
Einfühlungsvermögen und Solidarität. Das Sprichwort: "Nette Leute
kommen als letzte an" (nice guys finish last) ist schon wahr. Die
Marktwirtschaft belohnt nicht die Sorge um den Mitmenschen, ja sie
macht es uns sogar unmöglich die Situation der anderen in Betracht zu
ziehen. Wenn wir eine CD kaufen, denken wir nicht an die Situation der
Arbeiter die die Diskette produzieren. Wir haben auch nicht die
Informationen die uns dies ermöglichen könnte. Wir selbst denken auch
nicht an die Menschen die das Produkt konsumieren das wir produzieren.
Ich versuche im Leben vorwärts zu kommen und das gleiche tun Sie und
wir alle tun dies ohne darüber nachzudenken, welche Auswirkungen dies
auf unsere Mitmenschen hat.
In der Marktwirtschaft werden
bestimmte Dinge auch falsch bewertet. Unterbewertet werden Dinge die
einen positiven öffentlichen Einfluss haben wie beispielsweise
öffentliche Parks, Schulbildung, öffentliche Gesundheitsfürsorge und
Umweltschutz. Umgekehrt überbewerten Märkte Dinge die privat gute, für
die Öffentlichkeit aber schlechte Auswirkungen haben. Ein Auto das die
Umwelt verpestet trifft das Publikum, hilft aber der Privatperson die
es gekauft hat. Mit der Marktwirtschaft haben wir also eine Schieflage
in unserer Entwicklung. Märkte betonen rigorosen Individualismus und
negieren was gesellschaftlich wünschenswert wäre.
Märkte betonen
auch eine Klassenaufteilung zwischen denen, die Entscheidungen treffen
und jenen, die das nicht tun. Dies ist nicht nur nicht fair, sondern
die Konflikte, die dadurch zwischen Arbeitern und Managern, Experten
und Klienten entstehen, behindern die Produktivität und unterfordern
die Talente und Kreativität der Menschen.
Ich könnte noch vieles
anführen, aber zusammengefasst: Marktwirtschaft führt uns in die
Privatisierung, Ungleichheit, den ökologischen Verfall und führt uns
weg von sozialer Verantwortung, Gerechtigkeit und ökologischem
Ausgleich. Die Marktwirtschaft ist gewissen Eliten sehr dienlich und
wird daher von diesen Interessen verteidigt in dem uns durch sämtliche
Kanäle klar gemacht wird, wie wundervoll die Marktwirtschaft ist. Aber
es ist ein Schwindel und Sie brauchen sich nur umzuschauen um es zu
sehen. Jedoch die massive Propaganda für die Marktwirtschaft ist
überwältigend und viele Menschen erliegen dem propagandistischen
Trommelfeuer.
Was wäre wenn die Marktwirtschaft aus dem politischen Bereich genommen würde? (........)
Die
meisten dieser Mechanismen sind in Wirklichkeit ökonomisch. Sicherlich
beteiligt sich die Regierung in der Volkswirtschaft und kann die
Ergebnisse verbessern oder verschlechtern. Aber die grundlegenden
Merkmale werden beeinflusst durch die ökonomischen Eigenschaften welche
ich schon betont habe, privates Eigentum an Kapital, Märkte und
hierarchische Arbeitsplatz Organisation.
Aber lassen Sie uns
doch einmal über den Wettbewerb nachdenken, nur für eine Minute. Nehmen
wir einmal an sie organisieren ein Wettrennen und sie wollen gute
Ergebnisse erzielen. Sie können nun das Rennen so organisieren wie
hochmotivierte Konkurrenten es gerne haben werden: Man gibt den
höchsten Preis an den Sieger, der zweite und dritte bekommt etwas
weniger und das ist es dann auch schon. Auf diese Weise erhalten wir
die schnellsten Zeiten.
Betrachten wir uns dies doch noch einmal
genauer. Stellen Sie sich vor, eine Person ist wirklich sehr schnell
und kann das Rennen relativ leicht gewinnen. Hat sie nun wirklich den
Anreiz so schnell zu laufen wie möglich? Nein, überhaupt nicht. Sie
haben diese Person motiviert nur so schnell zu laufen um zu gewinnen
und nicht schneller, dafür haben Sie dann einen einen hohen (teueren)
Preis ausgesetzt. Und was ist mit der Person die vierter, fünfter,
sechster wird? Der oder diejenige hat überhaupt keinen Anreiz. Sobald
diese Person sieht, dass sie nicht gewinnen kann, kann sie auch zur
Ziellinie spazieren gehen. Aber nehmen wir einmal an, wir belohnen
einen jeden im Vergleich zu seinen vorhergehenden Leistungen. Wenn du
so schnell läufst wie das letzte mal bekommst du einen Grundbetrag.
Läufst du schneller, bekommst du mehr, entspechend deiner verbesserten
Leistung.
So, wenn Sie mehr arbeiten und unter größerem Einsatz,
bekommen Sie auch mehr. Wir geben nicht einfach demjenigen mehr der
gewonnen hat. Wir geben dem- oder derjenigen mehr der besser
abgeschnitten hat als das letzte Mal. Wenn Sie darüber nachdenken
werden Sie sehen, dass die Geschwindigkeit der Gesamtteilnehmer an dem
Rennen im zweiten Fall größer ist als im Normalfall wo nur die ersten
drei einen Preis gewinnen. Jeder Teilnehmer hat den Anreiz so schnell
wie möglich zu laufen, egal wie schnell die anderen sind. Tatsache ist,
letztendlich ist simpler Wettbewerb nicht wirklich effizient. Einfacher
Wettbewerb ist gut für die wenigen die gewinnen können, aber nicht gut
für die Gesamtproduktivität der gesammten Gruppe. Funktioniert eine
Gesellschaft in der die wenigen oben kollosal entlohnt werden und die
unten nur wenig? Sicherlich kann eine Gesellschaft auf diese Weise
funktionieren. Wir haben dieses System rings um uns und es funktioniert
in diesem Sinne. Besonders da wir militärische Macht dazu nutzen um den
Reichtum anderer Länder zu kontrollieren um für unsere Ineffizienz zu
kompensieren. Aber könnten wir nicht alle noch besser abschneiden? Ja,
sicherlich, es ist nur dass in meiner Art des "besser abschneidens" wir
mehr Gerechtigkeit brauchen, aber unsere Eliten sind mehr interessiert
daran, Gerechtigkeit zu verhindern und nicht so sehr daran
Produktivität zu maximieren.
In welchen Grössenordnungen
rechnen Sie? In welcher Grössenordnung müsste eine pareconische
Wirtschaftsordnung liegen um zu funktionieren?
In jeder
Grössenordnung. Parecon ist vorstellbar in einem kleinen aber auch in
einem großen Land. Parecon kann sehr unterschiedlich sein, abhängig von
Kultur, Entwicklungsstand und anderen Faktoren. Parecon wäre
unterschiedlich in verschiedenen Orten.....aber vielleicht denken sie
auch an die Grössenordnung verschiedener Institutionen innerhalb der
Ökonomie. Müssen wir grosse Firmen und Gemeinden verkleinern...........
Sind diese Gemeinden unabhängig von anderen? Gibt es einen Warenaustausch, etwa doch etwas wie einen Markt.....
Sie
denken vielleicht an eine vierte Alternative zu Marktwirtschaft,
Planwirtschaft und Parecon. Wir könnten ein Zuweisungssystem ganz
weglassen, kollektives Eigentum einführen, und ohne Hirarchie, in
kleinen, selbstversorgenden Gemeinden wohnen. Hier könnten wir eine
Ökonomie von "Angesicht zu Angesicht" betreiben, ohne am Punkt A zu
produzieren was an Punkt B oder C konsumiert wird und dadurch wäre es
nicht nötig ein genau geplantes Verteilungssystem zu haben. Dies ist
die eine Lösung. Ich glaube aber, mit dieser Lösung verzichten wir auf
wichtige Entwicklungen und auch auf eine wirtschaftlich effektive
Ökonomie. Ich glaube nicht, dass eine gute Ökonomie auf Krankenhäuser
und Computer verzichtet oder auf Cellos oder Telefone. Ich glaube auch
nicht, dass wir eine gute Ökonomie haben wenn wir zwar all diese Dinge
haben, aber sie in 40.000 Fabriken fertigen müssen, einzeln, von
Zahnstochern bis zu Bleistiften und von Fahrrädern bis Herz-Lungen
Maschinen, nur damit jede Gemeinde diese Waren haben kann, ohne sie
über große Entfernungen zu beschaffen. Dieser verdoppelte Aufwand an
Produktionsstätten wäre auch nicht gerade ein ökologisch vernünftiger
Weg diese Waren zu erzeugen. Es ergäbe eine zu große Verschwendung von
Ressourcen.
So meine Antwort betreffend wirtschaftlicher Größe
wäre, dass dies jede Gemeinde selbst entscheiden muss. Die Abwägung
kleinerer Industrie versus einer größeren ist eine soziale
Entscheidung. Es ist eine Entscheidung zwischen den Vorteilen der
Dezentralisierung und den Vorteilen grösserer Industrieeinheiten. Unter
Parecon kann diese Entscheidung, nach eingehender Debatte, durch die
Gemeinden realisiert werden, auch mit der Möglichkeit späterer
Korrekturen, sollte sich dazu durch einen Lernprozess die Notwendigkeit
ergeben. Im Kapitalismus und im Sowjet System hingegen besteht immer
eine Tendenz zur Zentralisierung und zu groß angelegten Einheiten,
ungeachtet der negativen Effekte und auch weit über den Punkt hinaus,
bis zu welchem Zentralisierung und Großprojekte überhaupt Sinn machen.
Deshalb denke ich, dass die Grössenordnungen unter einer Parecon
Ökonomie kleiner und weniger zentralisiert sein werden, jedoch nicht so
klein und dezentralisiert, dass es eine große Verschwendung oder
Verlust an Leistungsvermögen geben wird.
Wird es Versicherungen geben? Was wird die Rolle der Medien in einer Parecon Ökonomie sein?
Versicherungsfirmen
wird es keine geben, auch keine Banken im heutigen Sinne. Kein
Finanzamt und keine Wallstreet. Viele Institutionen wie sie heute
vorhanden sind wird es nicht mehr geben oder werden wenigsten nicht
mehr in ihrer heutigen Form existieren. Es wird keine Reklame geben
sondern nur Information darüber, wie die Dinge wirklich sind. Wir
wollen nicht, dass die Menschen Produkte kaufen die sie nicht brauchen
oder minderwertig sind. Es wird keine überflüßigen Produkte im heutigen
Sinne geben. Keine Immobilien- Firmen, Maklergeschäfte und keine
Überwachungs- und Kontrollsysteme wie wir sie heute haben. Sicherlich
auch keine militärische Produktion im heutigen Sinne. Die Einsparungen
die wir damit erreichen, könnten für soziale Zwecke verwendet werden
und wären sicherlich riesig. Der Grund warum diese Dinge nicht
existieren würden ist, das sie einfach keine Rolle spielen würden. Man
braucht keine Versicherung wenn ihr Einkommen und ihre Unterkunft
garantiert ist. Man braucht keine Banken wenn man keine privaten
Investitionen tätigt und keine Hypothekenzahlungen zu tätigen hat.
Parecon hat keine dieser Institutionen. Keine Arbeitslosen- Bürokratie
und keine Sozialämter. Parecon hätte neue, andere Institutionen, die im
Zusammenhang mit den Zuweisungsprozeduren über die wir schon gesprochen
haben, stehen.
Medien müssen natürlich weiterhin bestehen.
Medien sind Kommunikation und deshalb entscheidend für jede
Gesellschaft. Ein kritisches Problem unserer heutigen Gesellschaft sind
doch gerade die Medien die wir haben. Unsere Medien sind, wie jede
andere unserer ökonomischen Institutionen, kontrolliert von relativ
wenigen Menschen, die sicher stellen, dass ihre Interessen nicht zu
kurz kommen. Deshalb sind öffentliche Radiostationen wie diese hier so
wichtig. Alternative Druck- Medien sind sehr wichtig. Es ist nicht
leicht für diese Medien in unserer Gesellschaft ein grösseres Publikum
anzusprechen. Trotzdem sind sie eine wichtige Informationsquelle.
Die
Medien sind in einer gerechten Gesellschaft deshalb so wichtig, da man
keine Demokratie, keine Beteiligung der Bürger und kein
Selbstmanagement haben kann, wenn man kein Wissen hat. Das Recht, eine
Entscheidung treffen zu können, macht keinen Sinn, wenn uns die
Informationen vorenthalten werden. Ein Beispiel zu dieser Thesis:
Nehmen wir einmal an, in einem zentralamerikanischen Land in welchem
die USA in angehende Konflikte involviert ist, sollen sogenannte freie
Wahlen abgehalten werden. Wenn man nun zwischen den Zeilen der
Mainstreampresse liest entdeckt man, dass vor diesen "freien Wahlen"
die US und ihr Klientenregime versuchen, Gewerkschaften, religiöse
Gemeinden, unabhängige Radiostationen zu unterminieren und zu
zerschlagen, um zu verhindern, dass Menschen zusammenkommen und eigene
Positionen und Ideen entwickeln können. Danach wird eine Wahl
abgehalten zwischen Kanditaten welche von Washington als akzeptabel
empfunden werden. Wie bei US-Wahlen gibt es in Wirklichkeit keine
ernsthafte Diskussion über Themen und anstehende Fragen sondern nur
zwei austauschbare Personen im Wettbewerb um einen Posten. Hat man erst
einmal die Möglichkeit einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Ideen
und Alternativen unter der Bevölkerung eliminiert, dann kann man freie
Wahlen abhalten, da nichts mehr auf dem Spiel steht. Unter Parecon, da
Mitbestimmung und Freiheit ernst genommen werden, wird es
selbstverständlich Medien auf allen Ebenen und in allen Größenordnungen
geben. Alle Medien werden jedoch unter den pareconischen Normen der
Gesamtökonomie arbeiten.
Wie erhält der Bevölkerungsteil der
von diesen Ideen am meisten profitieren würde, Zugang zu ihnen?
Menschen die Tag ein Tag aus sich um ein Überleben bemühen und am
wenigsten verlieren, aber am meisten durch eine Systemänderung gewinnen
könnten. Wie informieren Sie die Menschen in einer allgemein
verständlichen Weise?
Genauso wie Sie mich hier heute bei
Ihnen vorfinden. Wenn ich eingeladen werde komme ich zu einer Radioshow
wie dieser und versuche meine Ideen zu erläutern. Es ist aber nicht
leicht. Es ist niemals genug Zeit, alternativem Denken, den
Vorbereitungen auf eine Radioshow oder einer Konferenz gerecht zu
werden. Auch weiß ich nicht ob ich mich klar genug ausdrücke. Es ist im
besonderen nicht leicht Menschen zu erreichen, die sich Tag für Tag
bemühen eine Familie zu ernähren. Wir können sie nicht über Time
Magazine oder das NBC Network erreichen. Wir versuchen anstatt unsere
eigene Media aufzubauen und versuchen die Menschen innerhalb unseres
eigenen Wirkungskreises zu erreichen. Wir tun dies mit Z-Magazine. Sie
tun es mit einer lokalen Radiostation. Dann gibt es weitere
Publikationen wie: Dollars und Sense, In these Times, Monthly Review,
Radical America, The Progressive und so weiter. Natürlich ist eine
freie Press nicht sehr hilfreich wenn nur die Reichen dazu Zugang haben
und sie auch kontrollieren. Dann ist es eben eine Presse für die
Reichen. Wir müssen versuchen dieses Problem zu überwinden, in dem wir
neue Bewegungen aufbauen um Veränderungen zu erreichen.
-
Interviewerin Kate Redmond