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Parecon

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Interview über Parecon

In 'Parecon: Life After Capitalism' beschreibe ich ein ökonomisches System - wir nennen es 'Partizipative Ökonomie' - dessen Ziel es ist, funktionierende Produktions- u. Verteilungsbedingungen sowie Bedingungen für Verbraucher herzustellen, die im Einklang stehen mit Leitlinien wie: Gerechtigkeit, Vielfalt, Solidarität u. 'self-management'.

Können Sie für ZNet beschreiben, um was es in Ihrem neuen Buch: 'Parecon: Life After Capitalism' geht? Was will es kommunizieren?

In 'Parecon: Life After Capitalism' beschreibe ich ein ökonomisches System - wir nennen es 'Partizipative Ökonomie' - dessen Ziel es ist, funktionierende Produktions- u. Verteilungsbedingungen sowie Bedingungen für Verbraucher herzustellen, die im Einklang stehen mit Leitlinien wie: Gerechtigkeit, Vielfalt, Solidarität u. 'self-management'. Wenn mich die Leute fragen, was ich mir im Hinblick auf Ökonomie vorstelle, antworte ich: 'parecon' (Participatory Economics = Partizipative Ökonomie). Im Mittelpunkt von Parecon steht die Komitee-Idee - auf Arbeitsplatz- u. Verbraucher-Ebene - im Mittelpunkt stehen (neue) Normen u. Methoden zur selbstorganisierten Entscheidungsfindung, steht die Idee der Belohnung von Leistung u. Einsatz sowie partizipative Planung u. die Idee ausgeglichener Arbeitsabläufe ('job complexes'). Von den kapitalistischen Institutionen unterscheiden sich die neuen Institutionen völlig, aber eben auch vom sogenannten 'Marktsozialismus'. Mein Buch - 'Parecon: Life After Capitalism' - geht im ersten Teil kurz auf die bestehenden Systeme ein, um herauszuarbeiten, dass diese unvereinbar sind mit Leitwerten, die für uns zählen. Anschließend werden Institutionen vorgestellt, die unsere neue Vorstellung von Wirtschaft definieren: neue Institutionen auf Arbeitsplatz-, auf Verbraucher- sowie auf Verteilungs-Ebene. Wie diese neuen Institutionen in unsern Alltag einwirken könnten, steht im nächsten Teil meines Buches. Im letzten Teil setze ich mich mit einer Reihe von gravierenden Befürchtungen auseinander, die die Leute haben, wenn sie zum erstenmal von unserer Vision hören. Bringt das Ganze tatsächlich was für unsere Ziele u. Werte? Ist diese Vision produktiv? Oder gefährdet sie am Ende Individualität u. Privatheit? Wie effizient, flexibel, kreativ u. nützlich kann soetwas sein? Undsoweiter.

Können Sie den ZNet-Benutzern vielleicht etwas über Ihren Schreibprozess sagen? Wo nehmen Sie Ihre Ideen her? Was hat maßgeblich zur Entstehung des Buchs beigetragen?

Das Modell einer 'Partizipativen Ökonomie' existiert seit etwa 10 Jahren - etwas länger sogar. Robin Hahnel und ich haben es entwickelt u. darüber mehrfach publiziert. Das vorliegende Buch ist mein bislang ultimativer Versuch, diese Vision zu begründen, zu beschreiben, ausführlich zu entwickeln und nicht zuletzt zu verteidigen. So gesehen spiegelt 'Parecon: Life After Capitalism' meine vielfältigen Aktivitäten der letzten Jahre wider u. reflektiert gleichzeitig die Lehren, die ich aus meinen tatsächlichen Arbeitserfahrungen gezogen habe, aus meiner Lehrtätigkeit, sowie aus der Organisierungsarbeit, aus öffentlichen Auftritten u. nicht zuletzt aus den Fragen der TeilnehmerInnen in den ZNet Online-Foren. Natürlich haben wir das Modell immer wieder neu überarbeitet - hinsichtlich neuer Erkenntnisse, Fragen, Untersuchungsergebnisse. Was das Schreiben selbst angeht: Wir - also ich u. die vielen andern, die an dem Buchprojekt mitgewirkt haben -, legten eine Menge Wert darauf, das Buch so spannend u. 'lesbar' wie möglich zu machen. Sicherlich bin ich kein besonders guter Autor - wahrscheinlich gibt es 600 Millionen bessere -, aber ich strenge mich an. Und für dieses Buch habe ich mich gewaltig ins Zeug gelegt.

Welche Hoffnung verbinden Sie mit Ihrem Buch? Welchen Beitrag soll es in politischer Hinsicht leisten, was soll erreicht werden? Und auf dem Hintergrund ihrer Anstrengungen und Ziele - was würden Sie als Erfolg bezeichnen? An welchem Punkt würden Sie sagen, ich bin zufrieden, wie sich das Projekt entwickelt? Oder umgekehrt: Wann würden Sie sich die Frage stellen, war's das wirklich wert - die ganze Zeit u. Kraft, die ich investiert habe?

Also, im Grunde wäre ich bereits unzufrieden, wenn nicht alle, die dieses Interview lesen, sich sofort ihre Arbeitskollegen, Freunde u. Verwandte schnappen u. losrennen, um das Buch zu kaufen. Was habe ich falschgemacht, würde ich mich fragen. Um was es in meinem Buch geht, ist die schlichte Frage: Was wollen wir? Und ich versuche, diese Frage auf eine möglichst ernsthafte, verständliche u. mitreißende Weise zu beantworten. Ich denke: Alle, denen es wirklich um eine bessere Welt geht - vor allem um eine bessere Wirtschaft - müssten mein Buch eigentlich lesen. Zumindest wünsche ich mir das. Ich habe bereits erwähnt, seit über einem Jahrzehnt bin ich intensiv damit beschäftigt, die Idee einer partizipativen Ökonomie zu entwickeln u. zu verbreiten, und mittlerweile geschieht dies - endlich - auch mit gewissen Erfolg. Das Buch 'Parecon: Life After Capitalism' ist sozusagen der Klimax meiner Bemühungen u. wird hoffentlich zum weiteren Durchbruch führen. Das Buch wird in vielen Sprachen herauskommen* u. hat bereits im Vorfeld seiner Veröffentlichung für viel Aufsehen gesorgt. Ich kann Interesse von ganz unterschiedlicher Seite spüren. Anscheinend nimmt das Interesse an unserer Ökonomie-Vision rapide zu.

Hinzu kommt: Die Zeiten haben sich geändert - in den letzten zehn Jahren. Ein weiter Weg von den Glanzzeiten jener Markt-Manie (erinnern Sie sich noch an Margaret Thatchers berühmten Ausspruch: "Es gibt keine Alternative"?) bis in unsere neue Zeit mit ihren massiven Problemen, in der die Wirtschaft infrage gestellt wird. Inzwischen lautet die Losung der Progressiven: 'Eine Andere Welt Ist Möglich' (inspiriert durch das Weltsozialforum). Die Antiglobalisierungs-Bewegung hat der Selbstgefälligkeit des Markts den Wind aus den Segeln genommen; alles, was mit Ökonomie zu tun hat, wird jetzt kritisch hinterfragt. Von allen möglichen Aktivisten verlangen die Leute eine Antwort auf ihre Frage: Welche Alternative habt ihr zu bieten? Die 'Partizipative Ökonomie' könnte, so hoffe ich, eine sehr gute Antwort sein - zumindest in ökonomischem Sinne.

Ich hoffe also, mein Buch kann dazu beitragen, unserer Vision einer (neuen) Ökonomie zum Durchbruch zu verhelfen - und zwar wesentlich stärker als bislang der Fall. Ich hoffe, unser Modell wird sich als ebenso tauglich wie unwiderstehlich erweisen u. von vielen übernommen werden. Ich bin da aber wirklich optimistisch und sage ganz ehrlich, ich wäre bitter enttäuscht - danach hatten Sie ja gefragt -, falls das Buch niemanden interessiert, nicht zur Debatte anregt. Ich wünsche mir eine Diskussion, die entweder zur breiten Unterstützung der Parecon-Idee führt oder aber alternativ zur Entwicklung einer anderen, noch besseren Vision. Zudem hoffe ich, das Buch kann die Leute inspirieren, auch über andere Themen - die Geschlechterbeziehung, Familienbeziehungen, Kultur u. Gemeinschaft, politische Organisierung, Ökologie und Außenpolitik nachzudenken. Vielleicht lassen sich ja auch für diese Themen neue Visionen entwickeln. Schließlich: das Leben besteht nicht nur aus Wirtschaft.

Niemand wird bestreiten: Im Bereich Ökonomie (aber nicht nur dort) brauchen wir dringend neue Zielsetzungen - ernste, taugliche, verständliche u. vertretbare Zielsetzungen. Zudem ist die Zeit reif, den Leuten die Prüfung visionärer Ziele an die Hand zu geben - auch das wird wohl niemand bestreiten. Was ich mir wünsche: Mein Buch: 'Parecon: Life After Capitalism' sollte auf allen Straßen, in sämtlichen Untergrundbahnen dieser Welt Verbreitung finden - und zwar in den Händen der arbeitenden Menschen, der Arbeiterweltbevölkerung sozusagen. Aber um realistisch zu sein, ich wäre schon froh, wenn mein Buch sich so weit durchsetzt, dass es jemandem in die Hände fällt, der eloquent genug ist (viel eloquenter als ich) daraus ein wirklich tolles neues Buch zu formen, das die Aufmerksamkeit der Menschen auf den Straßen u. in den U-Bahnen noch weit massiver auf das Thema lenkt. Denn Ziel ist es, das (zerfaserte) linke Bewußtsein mit neuer Vision zu erfüllen.

Also, auf zu Amazon.com (in Deutschland: Verso-Verlag) oder zum freien Buchhändler um die Ecke und los geht's... Bücher sind heutzutage teuer, ich weiß, und oft reicht die Zeit nicht, sie gründlich zu lesen. Aber ich wage zu behaupten, dieses neue Buch wird die Leute für ihre Zeitinvestition mehr als entschädigen. Das zumindest ist meine Hoffnung, und ich hoffe, die Leute enttäuschen sie nicht.

17. Februar 2003