Thema ‘Wirtschaftsgerechtigkeit’
Seit mehr als 20 Jahren lehrt Robin Hahnel Politikwirtschaft (political economy) an der American University. Gemeinsam mit Michael Albert von ZNet verfasste er 1991 ‘The Political Economy of Participatory Economics’.
Worum geht es in ihrem neuesten Buch, ‘Economic Justice and Democracy:
From Competition to Cooperation’ (Routledge 2005)? Was will es uns
sagen?
In ‘Economic Justice and Democracy’ geht es darum, dass wir
Progressiven uns am besten wieder an den Konzeptionstisch setzen
sollten. Was ist wirtschaftliche Gerechtigkeit überhaupt, was ist
Wirtschaftsdemokratie? Wie können wir für beides kämpfen? Im ersten
Teil (Part 1) meines Buches argumentiere ich, Wirtschaftsgerechtigkeit,
das sei, wenn man im Verhältnis zu seiner Anstrengung, bzw. zu den
erbrachten Opfern, belohnt wird. Wirtschaftsdemokratie sei
Entscheidungsmacht proportional zum Grad der eigenen Betroffenheit (von
der Entscheidung). In diesem ersten Teil nehme ich verschiedene
konkurrierende Konzepte für Wirtschaftsgerechtigkeit genauer unter die
Lupe - z.B. das Konzept von Robert Nozick oder das von John Rawls - und
setze mich mit unterschiedlichen Vorstellungen von
Wirtschaftsdemokratie auseinander, siehe Amartya Sen. Im letzten
Kapitel dieses Teils meines Buches setze ich mich zudem mit einer Reihe
Mythen auseinander, mit denen sich die Linke im 20. Jahrhundert
herumschlug. Wird Zeit, einen Schritt vorwärts zu machen.
Im zweiten Teil (Part 2) übe ich Systemkritik - sowohl am Kapitalismus
als auch am zentralistischen Sozialismus. Ich denke, das wird alle
Antikapitalisten interessieren, die über den eigenen kleinen Tellerrand
hinausblicken und etwas zu sagen haben. Dieser Teil handelt von den
Stärken und Schwächen der Sozialdemokratie und des undogmatischen
Sozialismus. Ich biete eine Erklärung an, weshalb Antikapitalisten
jeder Couleur - inklusive der demokratischen Sozialisten - am Thema
‘gerechte Kooperation’ scheiterten und es zuließen, dass Habgier und
eine wettbewerbsorientierte Wirtschaft das letzte Viertel des 20.
Jahrhunderts dominieren konnten.
Nachdem ich Stärken und Schwächen der sozialen Marktwirtschaft und
einer gemeindeorientierten (community based) Ökonomie untersucht habe,
setze ich mich im dritten Teil (Part 3) mit dem Modell der
partizipativen Ökonomie auseinander und entwickle es ausführlich. Ganz
konkret wird hier dargelegt, was partizipative Ökonomie zum
Umweltschutz beitragen könnte und wie sie am internationalen Handel und
der internationalen Investmenttätigkeit teilhaben könnte, ohne ihre
Prinzipien zu verraten. Zum Schluss gehe ich ausführlich auf Vorbehalte
und wichtige Kritikpunkte ein, die in den letzten 12 Jahren gegen die
partizipative Ökonomie geäußert wurden.
Der vierte Teil (Part 4) handelt von einer Ökonomie der ‘gerechten
Kooperation’ - im Hier und Jetzt. Wie könnten Kampagnen, die eine
Reform der Wirtschaft fordern, eine solche Ökonomie fördern? Wie
könnten bestehende Bewegungen eine solche Ökonomie fördern? Wie
alternative Experimente, die Kooperation als Wert über kommerzielle
Werte stellen? Welche Möglichkeiten bestehen, dass existierende
Bewegungen, die für eine Reform der Wirtschaft eintreten, ihre Basis
verbreitern? Welche Möglichkeiten gibt es, diese Bewegungen
gleichzeitig zu noch tiefgreifendenden Veränderungen zu motivieren?
’Economic Justice and Democracy’ ist ein Buch, das sich an Progressive
und Aktivisten richtet. Eine ökonomische Vorbildung ist dabei nicht
nötig. Für Aktivisten dürfte vor allem der vierte Teil von Interesse
sein - der längste Teil des Buches. Darin sind eine Reihe praktischer
Vorschläge enthalten, wie sich Aktivisten besser organisieren können.
Sagen Sie uns bitte, wie kam es zu dem Buch? Woher haben sie die Themen genommen? Was hat das Buch zu dem gemacht, was es ist?
Das Buch ist das Resultat meiner fast 40jährigen Arbeit. Während all
der Jahre habe ich - als Ökonom und Aktivist - versucht, einen
progressiven, sozialen Wandel herbeizuführen. Dieses Buch ist der
Höhepunkt jahrzehntelanger Arbeit. Ich habe in dieser Zeit viel über
den Kapitalismus gelernt und kann ihn fundiert kritisieren - das
Gleiche gilt für dessen wichtigste Gegenkonzepte, den zentralistischen
Sozialismus und die soziale Marktwirtschaft. Das Buch ist zudem der
Höhepunkt meiner jahrzehntelangen Zusammenarbeit mit Michael Albert*.
Gemeinsam entwickelten wir das Modell einer partizipativen Ökonomie*.
Das Buch soll vor allem jenen Antworten geben, die wichtige
Kritikpunkte gegen die partizipative Ökonomie vorzubringen haben. Es
gibt auch Antwort auf wichtige Fragen, die bislang untergingen. Ich
versuche in meinem Buch, unsere Vorstellung von
Wirtschaftsgerechtigkeit und von Wirtschaftsdemokratie noch deutlicher
zu begründen. Das Buch enthält bahnbrechende neue Vorschläge - sehr
konkrete Vorschläge - zum Thema Umweltschutz in einer partizipativen
Ökonomie zum Beispiel oder zum Thema internationale
Wirtschaftsaktivitäten. Ich versuche, zu einer Reihe von Themen,
umfassende Antworten anzubieten - Themen von Menschen, die unsere Werte
teilen. Der wichtigste Punkt: Mein Buch soll Antworten auf zwei Fragen
geben, die bei anderen Vertretern der partizipativen Ökonomie zu kurz
kamen: 1) Vorausgesetzt, der demokratische Sozialismus war die richtige
Antwort auf den Kapitalismus des 20. Jahrhunderts: Welchen Fehler haben
Sozialdemokraten und libertäre (undogmatische) Sozialisten gemacht? Wie
konnte es dazu kommen, dass Sozialdemokraten aller Couleur am Ende des
Jahrhunderts machtloser und verwirrter dastanden als zu dessen Beginn?
2) Wie können wir es besser machen als jene, die im 20. Jahrhundert für
wirtschaftliche Gerechtigkeit und Wirtschaftsdemokratie kämpften?
Anders gesagt, wie können wir im 21. Jahrhundert erreichen, was im
verklungenen 20. Jahrhundert misslang - nämlich eine Wirtschaft des
Wettbewerbs und der Habgier durch eine Wirtschaft der gerechten
Kooperation zu ersetzen?
Welche Hoffnungen verbinden Sie mit ‘Economic Justice and Democracy’?
Welchen Beitrag soll Ihr Buch in politischer Hinsicht leisten, was
wollen Sie politisch damit erreichen?
Ich hoffe, mein Buch leistet einen Beitrag zu einer ernsthaften
Inventur - wie können wir die Ökonomie der Gier und des Wettbewerbs
bekämpfen? Wie für eine Ökonomie der gerechten Kooperation einstehen?
Ich hoffe, mein Buch hilft den Aktivisten der neuen Generation, die
Fehler ihrer Vorgänger zu vermeiden. Gleichzeitig soll diese Generation
schätzen lernen, was ihre Vorgänger richtig gemacht haben, worin sie
erfolgreich waren. Ja, wir müssen zurück an den Konzeptionstisch, aber
es wäre tragisch, wenn wir das Kind mit dem Bade ausschütteten. Wir
müssen das Rad nicht neu erfinden und wertvolle Zeit vergeuden. Und
noch etwas hoffe ich, nämlich dass mein Buch einen Beitrag zum
konstruktiven Dialog zwischen den Sozialdemokraten des 20. Jahrhunderts
und den libertären Sozialisten leistet - damit meine ich vor allem
jene, die noch nicht begriffen habe, dass sie sich mit ihrer
politischen Analyse und Praxis in eine lange geschichtliche Tradition
von Erfolg und Niederlage einreihen müssen. Ich hege die Hoffnung, dass
mein Buch Menschen in verschiedenen ökonomischen Reformbewegungen und -
kampagnen hilft, konstruktivere Arbeit zu leisten, es soll Leuten, die
im Bereich ‘gerechte Kooperation’ experimentieren, zu mehr
Erfolgserlebnissen verhelfen. Letzter Punkt, mein Buch will der Linken
neue Impulse geben - wie können wir uns (besser) organisieren? Impulse,
die produktiver sind als dieses in kleinen politischen Sekten vor sich
hin arbeiten. Und letztendlich geht es in meinem Buch auch um einen
befriedigenderen Aktivismus in unserem Leben.
ZNet, 4. Juni 2005